Palmsonntag in La Paz

La Paz – Bolivien

Saftige Waden, fliegende Fischköpfe und andere Überraschungen

„Hmmh, was für eine saftige Wade!“ Wenn ein Aymara-Mann das sagt, dann steht er vermutlich nicht gerade an der Fleischtheke, sondern reagiert auf den Flirtversuch einer Cholita, einer Aymara-Frau mit zahlreichen weiten Röcken, langen geflochtenen Zöpfen und einer Melone auf dem Kopf, die irgendwie immer zu klein wirkt. Letzteres sind übrigens die Engländer schuld. Sie sollen eine ganze Ladung Borsalino Männerhüte zu klein nach Bolivien geordert haben. Um nicht auf ihrer Ware sitzen zu bleiben, machten sie sie den bolivianischen Aymara-Frauen schmackhaft. Doch zurück zum anfänglichen Flirtversuch:

Möchte eine Aymara den Blick eines Mannes auf sich ziehen, dann lüftet sie ihre Röcke gerade so weit, dass ihr Waden sichtbar werden. Sie sind ebenso wichtig wie auslandende Hüften, die sie mit ihren zahlreichen Röcken betont oder gar erst kreirt. Das gesamte Stadtbild von La Paz, dem Regierungssitz Boliviens, wird von Cholitas und ihren Marktständen bestimmt. Über 8 x 4 Blocks ziehen sie sich insgesamt und machen Supermärkte quasi überflüssig. Fotografieren sollte man Cholitas besser nur nach vorherigem Einverständnis, andernfalls können schon mal Fischköpfe nach dem Fotografierenden geworfen werden. Generell sind diese Marktdamen jedoch sehr nett, ein wenig zurückhaltend und sie freuen sich über ein Schwätzchen. Mit der Freundlichkeit kann es jedoch ganz schnell vorbei sein, wenn man beschließt nacheinander an benachbarten Ständen einzukaufen, die das gleiche Angebot haben. Wenn die Dame des zweiten Standes nämlich beobachtet hat, dass man seine Bananen am ersten Stand gekauft, obwohl sie ebenfalls Bananen hat, wird man bei ihr keine Äpfel kaufen können. Stattdessen wird sie sagen: „Wenn Dir meine Bananen nicht gut genug sind, dann kauf doch auch die Äpfel bei meiner Nachbarin.“

Eine weitere Besonderheit von La Paz ist der Hexenmarkt. Ihn gibt es schon seit langer Zeit und er ist nicht erst als Touristenattraktionen erfunden worden, wie man vielleicht meinen könnte. Hexen verkaufen hier  so ziemlich alles was man für sein Glück gebrauchen kann. Besonders beliebt sind sog. „Mesas“, eine Zusammenstellung verschiedener Süßigkeiten und Gegenstände, die je nach zu erfüllendem Wunsch des Käufers von den Hexen designed wird. Anschließend kann man sie anzünden und der Wunsch soll in Erfüllung gehen. Auch tote Lamajungtiere gehören zum Bild des Hexenmarktes. Sie werden als Glücksbringer in die Fundamente von Neubauten eingebettet. Gerüchte besagen, dass unter dem Gebäude der „Banco de Bolivia“, einem besonders großen und hohen Gebäude in La Paz, vermutlich eine ganze Herde begraben liegt. Aber wie gesagt, Gerüchte…. Zudem gibt es auf dem Markt (Zauber-) Pülverchen für und gegen alles. Da sie allerdings in kleinen weißen Tütchen abgepackt sind ist es, sagen wir mal ungeschickt, sie als Souvenir mit in ein anderes Land zu nehmen. Am Zoll könnten sie leicht für etwas anderes gehalten werden, vor allem wenn man gerade aus dem Land einreist, das eine besonders hohe Koka-Produktion aufweist.

Die Erzeugung dieses weißen Pülverchen soll auch das Leben der rund 2500 Insassen des Stadtgefängnisses bestimmen, das sich mitten im Zentrum befindet und nur von 10 Wächtern kontrolliert wird. Wenn sie nämlich über genügend Kleingeld verfügen, können sie sich auch hinter Gittern eine luxuriöse Wohnung für eine monatliche Miete von rund 500 EUR leisten.

Hat man die Relation Gefangene zu Wächtern erstmal verdaut hat, wartet an der nächsten Straßenecke die nächste Überraschung. Einheimische mit Strickmützen, die das ganze Gesicht bedecken und nur Aussparungen für die Augen übrig lassen, erwecken den Eindruck als seien sie auf dem Weg zu einem Überfall. Ihre „Bewaffnung“ überrascht dann noch mehr – Schuhcreme und Bürsten. Tatsächlich sind diese Vermummten nämlich Schuhputzer und oftmals Schulkinder, die sich für ihren Job schämen und von Freunden nicht erkannt werden wollen. Der aktuelle Präsident Evo Morales hat zwar einen Mindestlohn von umgerechnet 140 EUR verabschiedet, aber um den zu bekommen, muss man schließlich erstmal Arbeit haben.

Auch sonst scheint das aktuelle Oberhaupt Boliviens einiges zu erreichen, was seine Vorgänger nicht geschafft haben. Hierzu zählt bspw., dass er den Schuldenstand des Landes bei der Weltbank massiv abbauen konnte und dass er ehemalige bolivianische Unternehmen, die nach Brasilien verkauft wurden, wieder nach Bolivien zurück holen konnte. All dies stimmt seine Landsleute milde hinsichtlich seiner rhetorischen Unzulänglichkeiten. So sagte er bspw. in einer Rede, dass das Essen von Hühnchen schwul mache und der Genuss von Coca Cola zur Verblödung führe. Außerdem wunderte er sich, dass er trotz seiner zahlreichen Reisen in keinem Land der Erde so viele Bolivianer vorfinden konnte wie in Bolivien.

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Ein Gedanke zu „La Paz – Bolivien

  1. Pingback: Meine Reise nach Südamerika mit dem ersten Ziel: La Paz | dreamcatcherism by bella van der sun

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