Und über allem thront der Cerro Rico mit seinen Silberminen

Potosí – Bolivien

Silvercity

Mein nächster und letzter Stopp in Bolivien sollte Potosí sein, die Stadt, die dank ihrer Silbervorkommen einmal die reichste Stadt Amerikas war.  “Echt, Potosí? Also ich fand ja, dass die Menschen dort alle so traurig wirken”, entgegnete eine Rucksackreisende nach der Eröffnung meiner Pläne. “Na toll”, dachte ich, das fehlt mir jetzt noch. Seit Tagen fühlte ich mich selbst nämlich ein wenig einsam und traurig. Im Unterschied zu Argentinien, wo man Hostels mit Mehrbettzimmern, Küche und Gemeinschaftsräumen wie Sand am Meer findet, fiel es mir in Bolivien schwer solche Unterkünfte aufzutun. Es ist ja nicht so, dass ich scharf auf Gemeinschaftstoiletten bin,

aber der Vorteil solcher Hostels ist einfach der, dass man ungemein schnell nette Leute kennenlernen kann. In Bolivien hingegen musste ich mir in hotelähnlichen Pensionen oftmals ein Einzelzimmer nehmen und die Kontaktaufnahme zu anderen Mitreisenden fiel entsprechend schwer. Und dann wird mir Potosí noch als Ort “trauriger Menschen” präsentiert, na wunderbar!

In meiner Verzweiflung bat ich eine andere Mitreisende, die Freiwilligenarbeit in einer Schule leistete: “Kannst Du mit Deinen Kleinen heute Nachmittag vielleicht ein paar lustige Lieder in Gedenken am mich singen?! Vielleicht hilft das ja.” Keine Ahnung, ob Helen mir den Gefallen tat, traurig fand ich die Menschen in Potosí jedenfalls nicht, warm wurde ich mit ihrer Stadt leider auch nicht. Museen hatten zu, wenn ich sie besuchen wollte, Dachterrassen schlossen vorzeitig, wenn ich ausgerechnet dort einen Kaffee trinken wollte, der schönste Platz der Innenstadt war mit einem Wellblechzaun abgeriegelt usw. Hätte ich mich traurigen Dingen hingeben wollen und bspw. den Arbeitern in den Silberminen bei ihrer Arbeit unter widrigsten Umständen zusehen wollen – das wäre hingegen kein Problem gewesen. Entsprechende Touren zum 3 km entfernten Cerro Rico werden von zahlreichen Reisebüros angeboten. Bevor man die Minen betritt kauft man lediglich noch schnell ein Päckchen Koka und etwas Zündstoff auf dem Markt ein und anschließend überreicht man beides quasi als Gastgeschenk.

Irgendwann musste ich selbst über meine “First world problems” lachen. Augenscheinlich wollte ich Potosí gar keine Chance geben, sondern was ich wirklich wollte war ganz offensichtlich: Zurück nach Hause und damit meinte ich nicht Deutschland, sondern verrückterweise Argentinien. Also verkürzte ich meinen Aufenthalt und buchte bereits für den zweiten Abend einen Nachtbus von Potosí nach Villazón, der bolivianischen Grenzstadt zu Argentinien. Auf meine Frage, welcher Klasse der Bus angehöre, erhielt ich sinngemäß die Auskunft, dass es das Beste sei, was Bolivien zu bieten habe. Er habe zwar keine Toilette an Bord, so wie man sich das für eine 9-stündige Fahrt!! vielleicht wünsche, aber er verfüge über eine Heizung. Tja, wäre auch toll, wenn er sie benutzt hätte….

Als ich am Terminal eintraf fand ich einen Bus vor, dessen Karosserie mehrfach mit Gaffa-Tape geflickt war. Scheinlichter konnte ich überhaupt nicht ausmachen und wie die Windschutzscheibe trotz zahlreicher Risse zusammenhielt war mir ein Rätsel. Auf meinem Platz angekommen wurderte ich mich, warum alle Mitreisenden dicke Decken mit sich herumschleppten, nur ich eben nicht. Als ich meinen Sitznachbarn darauf ansprach sagte er: “Haben sie Dir gesagt, der Bus habe Heizung? Das sagen sie immer.” Anscheinen guckte ich so verdutzt, dass er sich genötigt fühlte seine Decke mit mir zu teilen, wofür ich kurze Zeit später bereits mehr als dankbar war.

Um 3 Uhr morgens erreichten wir die Grenze. Da sie allerdings erst um 7 Uhr passierbar ist mussten wir 4 Stunden im Bus ausharren.  Nun wurde die Kälte wirklich zum Problem und ich fühlte mich wie in einem Base-Camp an der Südwand des Aconcagua. Nicht, dass ich davon Ahnung hätte, aber genau so stellte ich es mir vor. Um kurz vor 7 ging es dann mit dem Taxi vom Terminal in Villazón zur Grenze, dann zu Fuß über den Grenzfluss (keine Sorge, es gibt eine Brücke), anschließend weiter mit dem Taxi bis zum Terminal von La Quiaca, der argentinischen Grenzstadt und dort hatte ich dann das Glück auf Anhieb einen Bus zu ergattern, der mich binnen 7 Stunden nach Salta zurück brachte – mit Heizung und mit Toilette!

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