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Medellín – Kolumbien

Früher pfui, heute hui

„Wessen Familie flippt gerade aus, weil ihr Kolumbien bereist und gerade ausgerechnet in Medellín seid?“ fragt die Stadtführerin und rund 20 Paar Hände gehen in die Höhe, denn Drogen, Pablo Escobar, FARC und bürgerkriegsähnliche Zustände sind oftmals die ersten Assoziationen mit Kolumbien. Während einige Konflikte leider weiterhin Gültigkeit haben, gehören andere der Vergangenheit an. Eines der besten Beispiele dafür ist sicherlich Medellín – eine Stadt, die viele Jahre als die weltweit gefährlichste Stadt galt und das zu einem Zeitpunkt als sich bspw. Beirut im Bürgerkrieg befand. Mit einer harten und umstrittenen Strategie sorgte Präsident Uribe zwischen 2002 und 2010 dafür, dass das Land sicherer wurde. Nach dem Motto „Einbindung statt Ausgrenzung“ wurden genau an den Stellen Medellíns, die als gefährlich galten, Projekte zur Aufwertung des städtischen Lebens durchgeführt. Die höher gelegenen Slums Medellíns wurden 2004 bspw. mit einer Seilbahn an die Innenstadt angeschlossen, eine beeindruckende Bücherei wurde exakt in selbigen Slums erbaut und der „Plaza de las Luces“, ein früherer Umschlagplatz von Drogen wurde kunstvoll umgestaltet und am Abend ragen hübsch beleuchtete Pfähle in den Himmel. Innerhalb von nur 10 Jahren schaffte Medellín den Sprung von einem der gefährlichsten Orte weltweit zu einer preisgekrönten Stadt, die bspw. 2012 für ihren innovativen Charakter ausgezeichnet wurde, noch vor New York und Tel Aviv. Die Kehrseite der Politik Uribes waren laut Humans Rights zahlreiche Menschenrechtsverletzungen. Zudem bleibt sein Verhältnis zu den Paramilitärs weiterhin unklar.

„Wir sagen nicht, dass wir es geschafft haben. Davon sind wir noch weit entfernt. Aber die Tatsache, dass ihr keine Angst habt uns zu besuchen, zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind und macht uns sehr glücklich“, sagt die Stadtführerin am Ende der Tour. So viel Pathos ergreift dann auch mich und ich muss schlucken. Vor allem aber bin ich froh, mit dem Kauf meines Flugtickets nach Kolumbien bis jetzt eine richtige Entscheidung getroffen zu haben.

> Bilder

Wer mehr über den politischen Konflikt Kolumbiens erfahren will, so wie ich ihn in seiner absoluten Kurzform verstanden habe, kann hier weiterlesen:

Konservative und Liberale konnten sich in Kolumbien noch nie wirklich leiden und als 1948 ein namhafter liberaler Politiker in Bogotá getötet wurde nahm dieser Hass weiter zu. Mit einer vermeintlich guten Idee, die zur inneren Stabilität des Landes beitragen sollte, nahm das Übel jedoch erst richtig seinen Lauf. Liberale und Konservative vereinbarten, dass alle vier Jahre ein Stellvertreter der jeweils gegnerischen Partei das Land regieren sollte, was die politischen Unruhen insbesondere in Wahlkampfperioden beseitigen sollten. Gleichzeitig hebelte dieses Vorgehen ebenfalls jede demokratische Einflussnahme der Bevölkerung aus. Die Politiker selbst sahen ihre politische Zukunft gesichert und erlagen der Korruption. Beides führte zu einer zunehmenden Frustration der Bevölkerung. Sie reagierte mit der Gründung linksradikaler Guerilla-Gruppierungen, die sich zur Aufgabe machten, das Land vor der Regierung zu schützen. Eine der bekanntesten ist die FARC. Wohlhabende Kolumbianer, die sich durch diese Guerillas bedroht sahen und von der Regierung zu wenig beschützt fühlten, antworteten mit der Gründung paramilitärer Truppen. So begannen drei verschiedene Parteien um das „Wohl“ Kolumbiens zu ringen. Richtig befeuert wurde diese Situation durch das Auftreten der Drogenbauern. Sie benötigten Helfer, die ihre Plantagen vor unerwünschten Besuchern oder gar Zerstörern beschützten, wozu sie die Guerilla-Gruppierungen gegen entsprechende Bezahlungen anheuerten. Die Regierung wiederum bediente sich der Paramilitärs um genau dieser neuen Allianz entgegenzutreten. Damit sie ihr jeweiliges Ziel erreichen konnten, erhielten die jeweiligen „Kooperationspartner“ von Regierung und Drogenbauern entsprechende finanzielle Unterstützung. Sehr viel Unterstützung, wodurch ihre Macht maßgeblich zunahm. Von ihren urspünglichen Gründungsideen weit entfernt und nahezu ohne politische Ziele begann in Kolumbien ein Machtkampf zwischen den jeweiligen Parteien, der dazu führte, das Medellín bis Ende der 90-er Jahren und noch bis zum Beginn des neuen Jahrhundert die weltweit gefährlichste Stadt war.

Eine Wende dieser Entwicklung gelangte erst Präsident Uribe zwischen 2002 bis 2010. Auch wenn seine Person und sein Handeln stark umstritten sind, so trug er während seiner Amtszeit maßgeblich zur Erhöhung der Sicherheit bei.

Auch heute leidet Kolumbien weiterhin unter dem immensen Koka-Anbau und den daraus resultierenden Folgen und viele Regionen sind zu gefährlich, um sie zu bereisen. Eine pauschale Be- und/oder Verurteilung der Situation ist wenig hilfreich und angebracht, denn letztendlich muss man sich auch die Frage stellen, wer die Nachfrager von Koka sind.

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