Auto

Argentinien – irgendwie Daheim und irgendwie doch nicht

“Was macht die Melone am Straßenrand?
Will die trampen?”

„Nee, will sie nicht“, antwortet meine argentinische Freundin und derzeitige Gastgeberin im Örtchen La Consulta lachend. „Die Melone scheint verdorben zu sein. Deshalb hat der Nachbar sie an den Straßenrand gelegt, wo die Müllabfuhr sie in den nächsten Tagen abholt.“ Aha, denke ich. Dann wird das Autodach, das da vorne mitten auf dem Bürgersteig steht und an einem Baum angekettet ist auch in den nächsten Tagen von der Müllabfuhr abgeholt. Caro sieht meinen Blick auf das grüne Karosserieteil, errät meine Gedanken und sagt: „Nee, das Dach wird zum Kauf angeboten. Deshalb steht es ja mitten auf dem Bürgersteig, wo es jeder sehen kann.“ Eine unschlagbare Logik, der ich nichts entgegenzusetzen vermag.

Gelegentlich unterliege ich dem Trugschluss, dass das alltägliche Leben hier ja eigentlich wie Zuhause ist. Tatsächlich sind es aber immer die kleinen Dinge, die mich daran erinnern, dass ich in eine andere Kultur eingetaucht bin. Mal bringen sie mich zum schmunzeln, mal überraschen sie mich und mal verunsichern sie mich. Manchmal sogar so sehr, dass ich einen ganzen Tag lang Fahrrad mit verkehrt herum gedrehter Gabel gefahren bin. Die “ungünstige” Positionierung der Handbremsen und die Tatsache, dass meine Pedale sich nahezu in jeder Kurve im Vorderrad verhedderten, schrieb ich einer andersartigen, argentinischen Bauweise zu.

Als ich jedenfalls mit Caro den Weg in unsere Siesta fortsetze (das Büro meiner Freundin ist von 13.00 bis 17.00 Uhr geschlossen) begegnen wir zahlreichen Hunden. Mal liegen sie faul in der Sonne herum, mal versuchen sie ein Leckerli zu erhaschen, aber sehr selten sehen sie ungepflegt aus oder sind gar aggressiv. Für großstädtische Hundehalter, die ihre Vierbeiner nur an der Leine führen können, könnten argentinische Städte vielleicht das Paradies sein. Hier wird Bello nämlich morgens aus dem Haus gelassen, strolcht durch die Straßen und wenn er sich ausgetobt hat, kommt er abends wieder zu seinem Herrchen nach Hause. Der argentinische Hund ist also in Wahrheit eine Katze.

Zuhause angekommen mache in mir einen Kaffee. Passend zum Instantpulver, das ich anrühre und an das ich mich verrückterweise bereits völlig gewöhnt habe, gibt es Milchpulver. Ich schwelge in Erinnerungen an Omas Lieblingsmarke „Glücksklee“, bevor ich mir einen Toast mache. Mittlerweile suche ich dafür nicht mehr nach dem Toaster, sondern weiß, dass man einen bestimmten Kochaufsatz benutzt. Er sieht wie eine gusseiserne Pfanne ohne Ränder aus, ist am Boden mit Löchern versehen und hat eine Art kleines Grillrost als Deckel, auf den das Brot gelegt wird. Fast bin ich schon ein bisschen stolz auf mich.

Bei dieser Gelegenheit erzähle ich meiner Gastgeberin von einer für mich unglaublichen Situation, die ich in Mendoza beobachtet habe. Dort sah ich nämlich, wie ein Passant beim Betreten eines Gullideckels samt diesem in die Tiefe stürzte. Reflexartig breitete er die Arme aus, landete auf seinen Ellenbogen und verschwand deshalb „nur“ bis zur Brust im Asphalt. Anschließend hiefte er sich wieder auf den Bürgersteig, klopfte sich ab und ging weiter als sei nichts passiert. Caro scheint diese Geschichte nur bedingt ungewöhnlich zu finden und meint: „Na ja, ich traue diesen Dingern auch nie und mache einen Bogen darum.“

Am Abend sehen wir uns eine „Novela“ an, quasi das Pendant zu deutschen „Soaps“ à la GZSZ. Ziemlich angesagt ist hier im Moment die brasilianische Novela „Avenida Brasil“. Sie wird, ebenso wie andere ausländische Serien und Filme, in ein „Neutrales Einheitsspanisch“ übersetzt. Dieses sog. „Espanol Neutro“ ignoriert die Spracheigenheiten der einzelnen Länder Südamerikas und sucht den kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Filmindustrie erspart sich somit die Kosten für verschiedene Übersetzungen. Für die Zuschauer, insbesondere für Kinder, ist dieses glattgebügelte Spanisch gelegentlich befremdlich, da es stark vom eigenen Sprachgebrauch abweichen kann. Hmh, wie kann ich mir wohl ein „Neutrales Deutsch“ vorstellen, das aus Schwyzerdütsch und Deutsch zusammengebastelt wurde? Ob es Deutschen und Schweizern wohl gleichermaßen gefallen würde?

Ein Gewitter bahnt sich an. Eigentlich wollte ich mein Netbook aufladen, aber da meine Freundin in Ermangelung eines Blitzableiters Kühlschrank und Fernseher aussteckt, werde ich das mal bleiben lassen. Zudem gibt es bei Regen sowieso keinen Internetempfang. Macht nichts, dann sitzen wir eben gemütlich in der Küche, teilen einen Mate nach dem anderen und quatschen über Gott und die Welt. Der persönliche „Gott“ meiner Freundin ist übrigens der Trainer der Fußballmannschaft „River“ aus Buenos Aires.

Es ist Sonntagabend und um 22.00 Uhr gehen wir endlich essen. Die Restaurants und Bars sind noch leer, aber Caro nimmt Rücksicht auf mein unüberhörbares Magengrummeln das besagt, dass ich mich immer noch nicht an argentinische Essenszeiten gewöhnt habe. Gegen 23.00 Uhr werden die Lokale voller und um 24.00 Uhr ist kaum ein freier Platz zu finden. Wer nicht zu Abend isst und dabei den verschiedenen Live-Bands lauscht, sieht dem Volleyballspiel zu, das auf der Plaza stattfindet oder reiht sich in den Autokorso ein, der um die Plaza herumfährt. Hauptsache die laue Sommernacht nutzen, ob zu Fuß oder vom Autofenster aus. Das ist Urlaubsfeeling pur und die Einwohner genießen es jeden Sonntag! Gegen 1.00 Uhr am Montagmorgen sind wir wieder zu Hause und damit definitiv die ersten, die die Plaza verlassen haben.

Am nächsten Tag besuche ich verschiedene Winzer. Sie sehen mich erst zum zweiten Mal und begrüßen mich bereits mit innigen Umarmungen und Küssen. Zu Mittag wird kräftig aufgetischt. Auch wenn ich bereits mehr als satt bin bringe ich es nicht über’s Herz das Angebot auszuschlagen. Wie so oft gibt Fleisch mit Fleisch sowie Grünzeug in homöopathischen Dosen. Ich liebe es, aber es wird Zeit, dass ich endlich Tango lerne oder irgendetwas anderes, das Kalorien im 1000-er Pack verbrennt.

Als ich nach Hause gehe sehe ich schmunzelnd, dass meine Freundin ein Außenlicht an ihrem Haus angelassen hat – ein kleiner Running-Gag von uns. Das Licht soll mir als Wegweiser in mein Bett dienen, da ich argentinische Wegbeschreibungen weiterhin nur bedingt verstehe. Wenn mir jemand bspw. erklärt, dass ich ein bestimmtes Geschäft nach drei „Cuadras“ (Blocks) finde, bin ich immer noch unsicher, ob der derzeitige Block bereits mitgezählt wird oder nicht.

Vielleicht gehe ich später noch einkaufen. Seitdem ich nicht mehr auf  die “rapipago”-Schilder einiger Kassen hereinfalle, geht das mittlerweile auch zügiger als früher. Die schnelle Bezahlung gilt nämlich für das Begleichen üblicher Haushaltsrechnungen, bspw. für Gas, Wasser, Sch… Steht man mit einer einzigen Kaugummipackung hinter fünf Familien mit entsprechend vielen Rechnungen an, hat man leider verloren.